Blind und blitzschnell
18.12.2009 - Barbara Moosmann: Der Bund 17.12.2009: Chantal Cavin sieht seit ihrem 14. Altersjahr praktisch nichts mehr. Das hindert die Bernerin aber nicht daran, Weltrekorde im Schwimmen zu erzielen.
Am Montag kam sie aus Rio de Janeiro zurück, am Dienstag arbeitete sie bereits wieder. Diese Woche steigt sie zwar nicht ins Wasser, trainiert aber trotzdem, auf dem Hometrainer, im Kraftraum, am Rudergerät: Denn Chantal Cavin ist ehrgeizig. Auch nach den Kurzbahn- WM mit drei Gold- und einer Silbermedaille lehnt sie nicht zurück.
Bevor sie durch einen Unfall erblindete, war sie im Judo aktiv, und auch da genauso voll dabei. In der Umschulung wollte sie unbedingt wieder Sport machen. Schwimmen wurde angeboten, und dabei sei sie dann geblieben, berichtet die heute 31-Jährige. «Mir gefällt die Kombination von Ausdauer, Technik und Kraft. Schwimmen bietet eine grosse Vielfalt, auch wenn es von aussen nicht so aussieht.» Ausserdem gefalle es ihr, dass sie den Sport mit Nichtbehinderten ausüben könne.
1995 trat sie der Breitensportgruppe des SK Bern bei, arbeitete sich von dort bis in die erste Mannschaft hoch. Als Martin Salmingkeit den Verein 2008 verliess, folgten Cavin und Teamkollegin Patrizia Humplik dem Trainer. «Wir wollten nicht unter jemand anderem trainieren», erklärt Cavin. Dazu stiess Nachwuchsschwimmerin Rachel Wüthrich, das Trio tingelt seither durch verschiedene Hallenbäder im Kanton Bern. «Wir sind quasi Wassernomaden», beschreibt Cavin die nicht einfachen Trainingsverhältnisse.
Gemeinsam auf richtigem Weg
Um sich den Sport auch in der kleinen Gruppe finanzieren zu können, arbeitet Cavin 50 Prozent bei einer Grossbank. Zudem wurde der «Förderverein Integrativer Leistungssport» gegründet. Das Projekt, bei dem sich behinderte und nichtbehinderte Athleten in einer Trainingsgruppe auf das Ziel Paralympics respektive Olympische Spiele 2012 in London vorbereiten, ist einzigartig. «Der Erfolg zeigt uns aber, dass wir auf dem richtigen Weg sind», so Cavin. Sie war die einzige Schweizerin, die an den Kurzbahn-WM der Behinderten in Rio de Janeiro war; Trainingspartnerin Humplik reiste nun ohne Team im Rücken an die Kurzbahn-EM in Istanbul. Weil die Videoanalyse Cavin offensichtlich wenig nützt, simuliert Salmingkeit mit seiner Hand den Druck des Wassers, wenn er die Bewegungen seiner Schwimmerinnen führt. Davon profitieren auch Humplik und Wüthrich. «Und er kann mir die Korrekturen auch sehr gut erklären», so Cavin.
Damit die blinde Schwimmerin weiss, wann sie die Wende einleiten muss, steht im Wettkampf an beiden Stirnseiten des Bades jeweils eine Person, die Cavin mit einem Stock auf den Kopf tippt, die sogenannte «Hauerin». Dabei geht es nicht nur um die Sicherheit, sondern auch um Hundertstelsekunden. «Wenn das Timing nicht genau stimmt, verliere ich vielleicht das Rennen », erklärt Cavin. Auch Weltrekorde wären so nicht möglich. Die Bernerin hält derzeit im 25-Meter-Becken diejenigen über 50, 200, 800 und 1500 Meter Crawl. An den Paralympics in Peking 2008 verlor sie denjenigen über 100 m. «Das war hart. Ich war als Weltmeisterin und Weltrekordhalterin angetreten – und wurde nur Vierte», blickt Cavin zurück. Schon vier Jahre zuvor in Athen hatte sie das Podest nur knapp verpasst. 2012 in London soll sich der Traum vom olympischen Gold endlich erfüllen.
Im dritten Anlauf zuoberst?
Jubeln wird sie aber wohl auch dannzumal erst mit Zeitverzögerung können. Den «Hauern» ist es nämlich verboten, den Athleten die Zeit oder den Rang bekannt zu geben, «das würde als Coaching gelten». So erfahren die Schwimmer erst ein paar Minuten später, ob sie Erste oder Letzte geworden sind. «Das ist schon ein bisschen eine blöde Regel, aber wir versuchen sie zu umgehen», schmunzelt Cavin. Indem zum Beispiel eine andere Person das Resultat rufe. Am Samstag, an den Sports Awards, für welche Cavin nach 2007 zum zweiten Mal nominiert ist, wird sie das Resultat gleich erfahren. Nachdem sie 2007 hinter Edith Hunkeler den 2. Rang belegte, rechnet sie damit, dass auch diesmal ein Rollstuhlsportler, nämlich Heinz Frei, die Nase vorne haben wird. Aber die Wahl zur Behindertensportlerin des Jahres zu gewinnen, «ist nicht meine höchste Zielsetzung». Und auch im Wasser gehe es ihr nie darum, jemanden zu schlagen. «Ich schwimme nur gegen die Zeit.» Und das schnell.

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